4
Okt
2023
Ansehen
Angemessener Wohnraum für alle (Aussprache über ein aktuelles Thema)
Frau Präsidentin! Was sich derzeit auf den europäischen Wohnungsmärkten abspielt, ist nichts weniger als eine soziale Katastrophe für die Mieterinnen und Mieter, insbesondere weil die großen Wohnungskonzerne mit ihrem enthemmten Goldrausch den Mieterinnen und Mietern den letzten Cent aus der Tasche ziehen. Seit Jahren steigen die Mieten ungebremst, während Löhne und Einkommen hinterherhinken. Wohnen wird so in vielen Fällen unbezahlbar. Mieterinnen und Mieter werden immer häufiger aus ihren angestammten Kiezen verdrängt, und zwar nicht nur in großen Städten, sondern mittlerweile auch in kleinen und mittelgroßen Städten. Gestiegene Energiekosten, Indexmietverträge, die Spekulation mit Wohnraum und Kurzzeitvermietungen haben daran ihren weiteren Anteil. Doch Wohnen ist ein Grundrecht, Wohnraum darf kein Spekulationsobjekt sein. Hinter börsennotierten Wohnungsunternehmen wie Vonovia stehen Finanzhaie wie BlackRock. Die Mieterhöhung von heute ist deren Gewinnausschüttung von morgen. Keine Rendite mit der Miete heißt deshalb auch ganz konkret, diesen Wohnungsunternehmen, Herr Kommissar, in der EU die Lizenz zu entziehen und sie unter öffentliche Kontrolle zu bringen. Vergesellschaftung ist hier das Zauberwort – und Berlin macht vor, wie es gehen kann. Dort wehrt sich die Bevölkerung gegen die Miethaie mit der erfolgreichen Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und nimmt die Dinge selbst in die Hand. Leerstands- und Spekulationsimmobilien müssen der Vermietung zugeführt werden. So wird das Angebot erhöht, und die Mietpreise sinken. So hätten dann auch Studierende und Auszubildende, wenn sie an den Ort ihres Studiums oder ihrer Ausbildung ziehen, wenigstens die Chance, z. B. in Frankfurt oder in Darmstadt ein bezahlbares Zimmer zu finden. Wir brauchen einen Stopp für Mieterhöhungen und einen Mietendeckel – Spanien und Portugal machen es ja bereits vor. Wir brauchen mehr sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau – Wien macht es bereits vor. Und dafür muss das europäische Beihilferecht entsprechend geändert werden. Investitionen in sozialen Wohnungsbau und bezahlbaren Wohnraum müssen überall möglich sein. 900 000 Obdachlose in der EU sind 900 000 Obdachlose zu viel. Es darf keine einzige weitere Zwangsräumung mehr geben. Es braucht eine verbindliche Housing-First-Strategie, die den Menschen wieder ein sicheres Dach über dem Kopf garantiert – Finnland macht es vor. Herr Kommissar, trotz der guten Beispiele und der Vorschläge, die Sie hier gemacht haben, frage ich mich: Warum gibt es noch immer keine europäische Strategie für bezahlbaren Wohnraum? Denn es gibt kein Recht auf Profit, aber ein Recht auf Wohnen.