9
Mai
2023
Ansehen
Überarbeitung des Stabilitäts- und Wachstumspakts (Aussprache)
Herr Präsident, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Eine gemeinsame Währung zu haben, bedeutet zwangsläufig, dass sich alle Mitglieder dieser Währungsunion in Verantwortung für die Stabilität der gemeinsamen Währung stellen müssen. Dazu gehört zunächst und ganz zuallererst eine verantwortungsvolle Haushaltspolitik. Das ist die Idee des Stabilitäts- und Wachstumspakts: Man trägt Verantwortung nicht nur für das eigene Budget, sondern für die gemeinsame Währung. Wenn wir zu den bisherigen Regeln kritisch Bilanz ziehen, müssen wir aber feststellen, dass das Regelwerk nicht gut funktioniert hat. Viele Mitgliedstaaten haben selbst in guten Zeiten die Defizitgrenzen nicht eingehalten. Die Staatsverschuldung ist immer weiter angestiegen, auch schon vor der Pandemie, vor dem furchtbaren russischen Angriffskrieg. Die Analyse, dass wir eine Reform des Regelwerks benötigen, die teile ich vollumfänglich. Aber wie die Reform ausfallen muss – ich glaube, da gibt es doch noch große Unterschiede. Wir haben beim Stabilitäts- und Wachstumspakt doch drei Probleme. Erstens: Haushaltskonsolidierung wurde immer auf die lange Bank geschoben. Zweitens: Die Kommission hat viel zu viel Flexibilität gewährt. Und drittens: Die Kommission hat die Regeln nicht beherzt genug durchgesetzt, weil sie von den Sanktionsmöglichkeiten noch nie – ich sage es noch mal: noch nie! – Gebrauch gemacht hat. Die drei Lösungsansätze der Kommission lauten nun: noch mehr Zeit, noch mehr Flexibilität und noch schwächere Sanktionen. Mit Verlaub, das ist nicht die richtige Lösung. Um es ganz klar zu sagen: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt hatte nie ein Flexibilitätsproblem, sondern ein Anwendungsproblem und ein Glaubwürdigkeitsproblem. Was die Kommission nun vorgelegt hat, wird nicht dazu beitragen, diese Probleme ordentlich zu adressieren. Hier müssen wir im Gesetzgebungsprozess noch einiges nachschärfen. Das ist mein letzter Kritikpunkt, dass Sie uns so wenig Zeit lassen. Denn es war ja klar, dass der Stabilitäts- und Wachstumspakt zum 1.1. nächsten Jahres wieder in Kraft treten soll. Dass Sie uns so wenig Zeit lassen, das hier intensiv beraten zu können, das ist nicht fair.