15
Jun
2026
Ansehen
Zeit für die wirtschaftliche Unabhängigkeit Europas (Aussprache)
Herr Präsident, Herr Exekutiv-Vizepräsident der Kommission, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wirtschaftliche Unabhängigkeit beginnt nicht mit dem Abwehrkampf gegen Washington oder Peking. Wirtschaftliche Unabhängigkeit beginnt im eigenen Hause, hier im europäischen Binnenmarkt. Seit über 30 Jahren predigen wir die vier Grundfreiheiten. Doch die Kommission hat es ja selber vor Kurzem genannt; es gibt die „Terrible Ten“. Ich könnte Ihnen sogar die „Terrible 100“ aufzählen – was bei mir jedes Jahr im Wahlkreis so an Problemen aufkommt: Hindernisse im Binnenmarkt, komplizierte Gründungsverfahren, fehlende Anerkennung von Berufsqualifikationen, zersplitterte Dienstleistungsregeln, künstliche Lieferbeschränkungen, die Verbrauchern in einem Land höhere Preise aufzwingen als im Nachbarland. Der Internationale Währungsfonds hat vorgerechnet, dass diese verbleibenden Hindernisse im Binnenmarkt wie ein Zoll von 44 % auf Waren und sogar 110 % bei Dienstleistungen wirken. Es ist mehr Schaden, den wir uns selber zufügen, als die Vereinigten Staaten von Amerika uns heute mit ihren Zöllen schaden. Wir erheben diese Zölle gegen uns selbst. Diese Probleme muss die Kommission angehen, muss der Binnenmarktkommissar angehen, wenn wir unsere eigene wirtschaftliche Basis stärken wollen. Dazu müssen wir, glaube ich, zweigleisig fahren: einmal die Probleme im Recht lösen, aber andererseits auch die Probleme angehen, die aus dem nationalen Recht erwachsen. Das Problem ist doch, dass viele Mitgliedstaaten den Binnenmarkt als Bedrohung für ihre eigenen nationalen Märkte behandeln. Das Ergebnis sind Sonderregelungen, Abschottungsmaßnahmen, doppelte Zulassungsverfahren, nationale Sonderzertifizierungen und so weiter und so fort. Das darf die Kommission nicht nur moderieren, das muss sie mit Nachdruck angehen. Es muss der ganze Instrumentenkasten eingesetzt werden, bis hin zu Vertragsverletzungsverfahren – wenn wir den Binnenmarkt vollenden würden. Nur drei Beispiele: einen Markt für Telekommunikation – wir haben heute 27 Telekommärkte; einen Markt für Energie – wir haben heute 27 Energiemärkte; einen Markt für Finanzdienstleistungen. Dann wäre uns allen geholfen.